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Spacer Du musst nur entscheiden, was Du mit der Zeit anfangen willst, die Dir gegeben ist ...
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Die grünen Blutegel

© Copyright 2009-2012 by Julian Brescanu, Moldawien

Die Geschichte, die ich euch zu erzählen beabsichtige, habe ich von einem Jugendfreund von mir, den ich nach mehreren Jahren wiedersah. Sie ist derart haarsträubender und fantastischer Natur, dass sie unmöglich für wahr gehalten werden kann. So nehme ich die Gefahr auf mich, als unverschämter Lügner abgestempelt zu werden. Aber andererseits möchte ich zu meiner Verteidigung vorbringen, dass ich das Ganze allein aus zweiter Hand habe, d.h nicht aus nächster Nähe miterlebt habe, so dass ich kaum für den Wahrscheinlichkeitsgehalt verantwortlich gemacht werden kann. Und trotzdem ist es mir schwer die Sache so leicht abtun. Bisher hab ich meinen Freund stets als seriösen und netten Kerl gekannt, der keineswegs zum albernen Gewäsch neigt. Er hätte mir dies alles nie erzählt, hätte es nicht schwerwiegende Gründe dafür gegeben, dessen bin ich mir absolut sicher. Aber bedenkt doch selbst.

Zunächst mal einiges über meinen Freund. Wir sind beide in derselben Strasse, in demselben Hinterhof aufgewachsen. Sein Haus stand und steht bis dato neben dem meinen, mehr zum Zentrum des Grundstücks hin. Sein Namen war Sascha. Da unser Hof ziemlich reich an Saschas war wurden sie, um sie auseinanderzuhalten, mit verschiedenen Zusätzen dotiert, oder profaner gesagt, mit Spitznamen. Sascha, von dem hier erzählt wird, wurde eben Sascha der Armenier benannt. Ich weiß zwar nicht, wie er selbst sich zu diesem Beinahmen verhielt – nie sprach ich ihn damit an – jedoch, glaube ich, nicht sehr freundlich. Ich, jedenfalls, reagierte höchst empfindlich auf solche Dinge. Ich erinnere mich noch gut, wie mir einige Zeit lang der Spottnahme “Ziegelstein” anhaftete, was mich nicht wenig wurmte, zumal ichs, meines Erachtens, mit nichts verdient hatte.

Mein Held also hieß Sascha der Armenier. Ich habe nie erfahren, wie er mit Nachnahmen wirklich heißt und nicht einmal bin ich überzeugt, dass er noch Armenier war. Verbürgt ist aber, dass früher an dem Ort, wo unsere Strasse jetzt liegt, ein armenisches Viertel existierte, was sich auch auf den Namen der Strasse niederschlug - bis auf den heutigen Tag nennt man sie die Armenier-Strasse. Seine Familie kann also durchaus von armenischer Abkunft sein. Allerdings hab ich bisher nicht feststellen können, ob andere Armenier in unserer Strasse wohnen.

Nun war Sascha ein gescheiter Knabe mit ausgeprägter Veranlagung zu Wissenschaften, wo seine Kenntnisse weit über dem lagen, was man bei einem Jungen seines Alters gemeinhin antrifft. Seine Interessen erstreckten sich über Astronomie, Biologie, Archäologie und anderes, aber sein größte Hobby lag jedoch auf dem Gebiet der Chemie. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er stets und ständig mit allerlei chemischen Körper herumfuhrwerkte, welche zu besorgen ihm keineswegs schwer fiel, arbeitete doch seine Mutter in diesem Fach. Alle diese eigenartige verschiedenfarbige Flüssigkeiten, Pulver, Substanzien erweckten ständig mein kindliches Interesse, welche Vorliebe Sascha von Zeit zu Zeit förderte, einhandelnd bei mir den einen oder anderen Stoff aus seinem nicht unerheblichen Vorrat an Chemikalien gegen solche meiner Erdengüter, die es ihm besonders angetan hatten. Bald jedoch wuchs ich aus meinen Chemieaspirationen. Anders Sascha. Er gab sich weiterhin der Chemie hin, in Chemiekenntnissen seine Mitschüler (und wie ich vermute auch seinen Chemielehrer) um ein mehrfaches übertreffend. Er hatte ferner beschlossen, ein Berufschemiker zu werden und ging schnurstracks auf das gesteckte Ziel zu.

Wir beendeten die Schule und ich verlor den Kontakt zu ihm. Ich blieb gleich dort, wo ich zuvor war, nämlich an der Armenier-Straße, Sascha aber fuhr nach Russland, nach dem Eintritt in die Staatliche Universität zu Moskau trachtend, um die geliebte Chemie zu studieren. Über längere Zeit war über Sascha nicht viel zu erfahren, ausser, dass er sein Diplom erworben und sogar geheiratet habe. So ist unsere Kindheit an der Armenier-Strasse vergangen.

Also dann wieder zu meiner Geschichte. Angefangen hat alles damit, dass ich ganz zufällig auf ihn stieß, als ich eines Tages, Mülleimer in der Hand, über den Hof hinweg zu den Containern steuerte.
Ich erkannte ihn nicht sogleich, so hatte er sich verändert. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen, war imposanter und kam mir unendlich älter vor, als ich ihn in Erinnerung hatte. Wir tauschten Freundlichkeiten aus und ich trug ihm sofort an, er möge mich in meiner Bude besuchen (infolge meiner langwierigen ungeordneten Lebensverhältnissen konnte ich ihn kaum anderswohin einladen). Er sagte zu und nun sassen wir uns gegenüber in meiner (zu meiner Schande muss ich gestehen) sehr unsauber wirkenden Wohnung, plaudernd über dies und das bei einer Tasse grüner Tee, die ich angeboten hatte und die Sascha nicht anfocht, oder tat er nur als mache die ihm nichts aus. Er spielte an der Tasse herum, mehr als er trank, deshalb, befürchte ich, so angenehm war ihm der Tee wohl doch nicht.

Während wir redeten musterte ich verstohlen Saschas Gesicht, das sich in all den Jahren so verändert hatte. Ausser dem geringfügig heruntergekommenen Zug, der zweifellos seinem ständigen Herumpusseln mit Chemikalien anzulasten war, bemerkte ich darauf eine gewisse Nervosität, die ich an ihm von früher her nicht kannte, obwohl Sascha kein bisschen schüchtern wirkte. Darüber hinaus drückte seine ganze Haltung irgendeine seltsame Trägheit aus, als bestehe sein Körper aus zerbrechlichem Stoff und er achte deshalb peinlich darauf, jede heftige Bewegung zu vermeiden. Das alles zusammen rief den Eindruck einer langsamen Normalisierung hervor, ganz so, als stehle man sich mühsam aus einer Krankheit hinaus oder möglicherweise einer Krise. Doch dies war bloß auf einer sehr subtilen Ebene zu beobachten und insgesamt schien Sascha ein ganz tüchtigen Bursche zu sein, den man ohne Vorbehalte einnehmend nennen konnte. Wir schwatzten noch ein bisschen. Sascha berichtete aus seinem Leben in Moskau und ich, der ich über Jahre hinweg aus meiner Stadt nicht hinauskam, war natürlich ganz Ohr.

Während des Gesprächs schon vor einer Weile merkte ich, dass mein Gast sich ziemlich gespannt gab, als ob etwas in meinem Zimmer ihn störte. Das musste das Kruzifix sein – folgerte ich. In der Tat, dieser meine Befund war keineswegs zufällig. Wenn ich auch letzlich zum Gnostizismus tendiere, trotzdem gehöre ich offiziell nach wie vor der katholischen Kirche an, einer Religion, die mir meine edlen polnischen Vorfahren als einziges Erbe hinterlassen haben (mir wäre Geld lieber gewesen) und das Kruzifix mit herabhängendem Rosenkranz ist das sichtbare Zeichen davon. Es sitzt an der Wand mir zum stummen Vorwurf, schräge Blicke von Ungläubigen und den einstmals-zu-häufigen Zeugen Jegovas auf sich ziehend (Gott möge die letzteren segnen für ihre misslungene Anstrengungen mich auf die richtige Tour zu bringen) und sogar versuchten, zwar nicht sehr erfolgreich, mich in meinem Elend zu trösten.

Also doch das Kruzifix - dachte ich und erwog bereits, ob man nicht ins andere Zimmer überwechseln sollte, als Sascha die Ursache seiner Unruh selbst aufdeckte. Es war das, womit ich am wenigsten gerechnet hatte. "Schaff es doch weg" - er meinte einen kleinen Taschenkalender, dessen eine Seite einen 5-Dollar Schein ablichtete (es mag auch ein Zehnner gewesen sein, ich weiß es nicht mehr). Im allgemeinen hab ich nicht viel übrig für solche Lappalien. Der Umstand, dass er auf meinem Schreibtisch verweilte oder besser, den Speisetisch in die Rolle eines Schreibtisches presste, war einzig und allein auf mein Versäumnis ihn wegzuwerfen zurückzuführen (oder war das vielleicht mal ein unterschwelliger Wunsch, er möge sich eventuell in einen echten Schein verwandeln?). Egal. Er lag dort herum und war mir absolut gleichgültig. Dass derartiges eine so starke Reaktion auslösen kann, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Trotzdem, um Sascha gerecht zu werden, nahm ich den Kalender und schob ihn zwischen die Bücher, möglichst weit weg von seinen Augen, währenddessen ich einen Witz über seine vermeintliche Dollar-Phobie riss. Gleich hinterher tat es mir leid. Sascha sah aus, als sei er eben herb beleidigt worden. Er hatte sich aber sogleich wieder in der Gewalt und wir setzten unsere Diskussion fort, als sei überhaupt nichts geschehen. Irgendwann beklagte ich meinen anhaltenden Geldmangel, woraufhin Sascha seine eigene Beschwerden erwähnte. Er deutete an, eine emotionale Störung gehabt zu haben, Ursache seiner schleppenden seelischen Depression. Mich durchzuckte ein Gedanke. Ich beschloss mal einen Anlauf zu machen. Zuerst sprach ich mein Bedauern aus, dass ich ihn unabsichtlich mit meinem faulen Witz verletzt hatte. Dann tippte ich behutsam an, ob es einen Zusammenhang gab zwischen seinen peinlichen Erlebnissen und dem Bild auf dem Kalender. Sascha bejahte grimmig. Ich sah jedoch deutlich, dass ihm das Thema nicht zusagte, so, meiner glühenden Neugier ungeachtet, verknief ich mir weitere Fragen.

Wir schwatzen noch ein bißchen und nun schickte sich Sascha zum Gehen an. Ich beteuerte ihn scherzweise, dass ich ihn nicht eher fortlasse, bis er noch ein paar Tassen mit mir getrunken hatte. Er hob vage die Schultern. Ich eilte zur Küche. In Ermangelung eines Teekessels, kochte ich Wasser in einer Emailleschüssel. Sie ist kaum zur Betreuung von Gästen bestimmt, aber wenn man seinen Besucher aufzuhalten hat, sind alle Mittel recht. Ich kehrte zurück zu Sascha mit der Feststellung, der Tee sei in einem Moment fertig. Ich lügte nach Strich und Faden. Das verfluchte Ding hatte sich derart mit Wasserstein bewachsen, dass es leichter gewesen wäre, Wasser in einem ausgehöhlten Block von Stonehenge abzukochen, namentlich, wenn man dabei in Betracht zieht, dass ich die Flamme auf geringstmögliche Intensität herabreguliert hatte – letzteres jedoch nicht mit böser Absicht in diesem besonderen Fall, sondern lediglich aus strenger Einsparung, die ich im Haushalt gewöhnt bin. Ich setzte mich auf die Kante des Stuhls, gleichsam jeden Augenblick bereit aufzuspringen und zur Küche zu stürzen. Da kam Sascha urplötzlich unerwartetermassen mit der vollen Story rüber. Wie gesagt, lege ich sie in einer etwas überarbeiteten Variante dar, ohne jedoch von dem ihr zugrundeliegenden schrecklichen Inhalt Abstriche zuzulassen.

An der Universität hatte Alex Bekanntschaft mit einem Burschen geschlossen, der hier Viktor genannt wird. Es war ein brillianter Student, mit Leib und Seele Chemist. Während man Alex als seinem Gewerbe sehr ergeben bezeichnen kann, war Viktor der Chemie wie einer Sucht verfallen. Er war bereit dem rund um die Uhr nachzugehen mit einer geradezu animalischen Intensität. Zugleich war Viktor ein sehr praktischer Geselle, der sein Schäfchen zu scheren wusste. Nie half er ohne Gegenleistung zu verlangen. Sogar bei seinen Freunden ließ er durchblicken, dass seine Dienste abgegolten werden sollten. So oder so, hatte sich ihre Freundschaft mit der Zeit gefestigt, bis ihr Studium abgeschlossen war und sie sich mit dem Problem konfrontiert sahen, wie man am besten einen Job fand. Und da sie intime Freunde waren, beschlossen sie diesem Problem gemeinsam beizukommen. Und das war keineswegs eine einfache Sache. Sie hatten beide die Abgangsprüfungen summa cum laude bestanden. Nur die Zeiten waren nicht danach. Die Sowietunion war vor kurzem zusammengebrochen. Stosswellen von Chaos rollten über die unabsehbare Weite des kommunistischen Reiches hinweg. Die Wirtschaft stockte. Organisiertes Verbrechen gedeihte. Für schlichte loyale Staatsbürger wurde es zunehmend schwierig Arbeit zu finden. Sascha und Viktor schien, als gälten ihre Diplome nicht mehr als wertlose Stücke Papier. Schließlich glückte es ihnen eine Art Labor zu gründen, wobei sie Aufträge von Privatpersonen empfingen. Sie arbeiteten angestrengt und dennoch gelang es ihnen ihren Betrieb eben noch über Wasser zu halten. Ich vermute, einige ihrer Aufträge lagen am Rande der Legalität, (worauf Sascha selbst auch anspielte), aber wer kann das ihnen verdenken? Die Zeiten waren hart und die Einstellung zu Überlebensmitteln wandelte sich.

Ganz natürlich diese fade Arbeit schierer Dienstleistung konnte diesen begabten jungen Menschen nicht genügen. Rein zum Vergnügen betrieben sie eine Art Privatforschungen, indem sie mit verschiedenen Materialien experementierten. Grösstenteils waren das seltene Mineralien oder ungewöhnliche Naturstoffe. In der Regel bezahlten sie nichts dafür, es wäre ja auch katastrophal für ihr Unternehmen gewesen, sollten sie das tun. Irgendwie verstanden sie Material auf Eintauschbasis zu besorgen. Besonders geschickt war dazu Viktor, der ihren Vorrat an Reagenzien durch seinen ziemlich weiten Kreis der Kommillitonen — Chemiker, Biologen, Geologen ergänzte, indem er das Gewünschte gegen einen Dienst einwechselte oder es dem betreffenden Mensch einfach ergaunerte.
Genaugenommen war ihre Hobbyforschung nicht lediglich Abwechselung. Während der zuweilen langen Perioden auferzwungener Untätigkeit, wenn keine Bestellungen einliefen, grade das war es, was ihnen half, Fertigkeit aufrechterhalten,also die Kontinuität der Praxis sicherte, die so notwendig für wahre Meister ist. So ging das: mal Forschung, mal Bestellung, mal Bestellung und wieder einmal Forschung.

Sie führten die Geschäfte von einem barackähnlichen Bau aus, den sie einem Rentner für ein Butterbrot abgekauft hatten. Jeder hatte seinen eigenen Schlüssel, so waren sie in der Lage einzeln zu kommen, wann sie wollten. Und was nun ihr Domizil anbelangt, wohnten sie in Untermiete weit genug voneinander. Wenn Sascha in das Labor kam, fand er fast stets Viktor am Experimentiertisch sitzend, in die Manipulationen mit den Reagenzien vertieft. Der Kerl schien nie auszugehen, möglicherweise nächtigte er auch hin und wieder dort. So geschah es, dass nachdem Sascha an einem Morgen eingetreten war, er Viktor an dessen gewohnten Platz sah, an etwas, das wie ein Kolloid aussah, hantierend.
"Ein kolossales Ding, sag ich dir" rief Viktor ohne den Kopf zu heben. "Schau nur mal wie es reagiert. Ein Lebewesen, eindeutig!" Viktor erklärte, dass diese gallertartige Substanz von einem Geologen erworben worden war, der sie von einer Expedition zurückgebracht hatte. Angeblich war sie von einer Felswand abgekratzt worden. Erstaunlich daran war, dass das Gelee, obwohl flüssig, von erstaunlicher Stabilität war. Es weigerte sich prinzipiell sich mit anderen Komponenten zu vermischen, das beigefügte Element permanent gegen die Wände des Gefässes abstossend. Wenn man es mit Reagenzien traktierte, reagierte es äußerst vehement durch intensives Gurgeln und Glucksen, bis der fremde Stoff regelrecht ausgeschleudert wurde. Wenn ein fester Gegenstand im Spiel war, zum Beispiel ein Glassstab, dann hielt das wilde Blubbern an, nahm an Intensität zu, bis der Experimentator gezwungen war das störende Agens zu entfernen. Es war eigenartig diese konsequente Verwerfung fremder Stoffe zu beobachten, als säße in der Petrischale ein störrischer Troll, der nicht vertrug, behelligt zu werden.
War das Kolloid aber einmal in Ruh gelassen, verhielt er sich völlig schlapp, wie jede ähnliche Substanz. Kurze Zeit später wurden sie mit einer neuen Bestellung bedacht, die eine gewisse Eile forderte und das komische Kolloid war vergessen. Erst viele Tage später wurde es erneut zum Gegenstand ihres Interesses, als Viktor plötzlich ausrief: "Nanu, wo hast du die Dublette her?"
Es war damit so bewandt: kurz vorher hatte Viktor eine alte Briefmarke gekauft, in der Absicht die chemische Zusammensetzung des Papiers zu klären. Dann wurde seine Aufmerrksamkeit von anderen wichtigeren Dingen beanschprucht und die Marke war auf dem Tisch liegengeblieben. Jetzt lagen da schon zwei identische Marken nebeneinander, sich teilweise überlagernd. Sascha sagte, er wisse nichts davon. Die Sache schien unerklärlich. Hatte sich jemand in ihrem Labor zu schaffen gemacht? Sie nahmen die beiden Marken näher in Augenschein. Sie differierten ein wenig. Die eine war blässer als die andere und gleichsam durchsichtiger. Auch fühlte sie sich speckig an, als ob mit Fett geschmiert. Eine Idee durchfuhr sie. Das musste mit dem mysteriösen Kolloid zusammenhängen. Die Spritzer! Die Stelle war von ihnen getroffen worden! Sie begannen eifrig zu forschen. Die Resultate waren verblüffend. Irgendwie besass das Zeug die Fähigkeit zu Mimikry. Allerdings galt das ausschließlich für Faserstoffe und auch wenn diese klein und dünn genug waren. Waren die zwei letzten Bedingungen nicht erfüllt, fiel die Reproduktion, wenn überhaupt, nur partiell aus. Es war als säh man nur einen " blassen Schatten" des Objektes. Irgendwann erstarrten die beiden Chemiker und sahen sich zwingend an. Sie wussten, das sie das gleiche dachten und dies war von solcher Grösse, das es ihnen den Atem stocken ließ.

Als Sascha am Morgen eines dieser durch Hektik belasteten Tage das Labor betrat, bot sich ihm ein überaus ungewohntes Bild. Sein Freund hockte im Sessel, hatte seine Hände müßig auf die Knien gelegt und starrte müde vor sich auf die Wand. Er wandte sich an Sascha und sagte: "Ich brachte es nicht fertig, die Schachtel selbst zu öffnen. Machen wir es gemeinsam". Was sie da sahen, veranlasste sie in helle Begeisterung zu geraten. Dort lagen sie — zwei 100 Dollarscheine, einander aufs Haar gleichend: genau dieselbe Intensität der Farben, dieselben feinen Falten, derselbe gelegentliche Fleck, dieselben Scheuerstellen. Nicht nur das, sondern auch die innere Struktur der beiden Banknoten war absolut identisch abgebildet, bis auf die winzigen Einschlüsse, bis auf das dünneste Fusselchen, sichtbar allein gegen das Licht. Unglaublich! <br />Sie stürzten sich in die Arbeit. Ziel war möglichst schnell möglichst viele Banknoten zu fertigen und dann zu ersuchen sie zu vertreiben. Sie mussten zwangsläufig daran denken, dass ihre Aktivität widerrechtlich war, als kriminell geahndet. Aber andererseits so völlig ungewohnt war, was sie taten.

Eigentlich war es keine Fälschung. Es hätte wohl einer speziellen Klausel im geltenden Gesetzbuche bedurft, um sie strafrechtlich zu belangen. Zumindest so schien es ihnen damals. Insgeheim missfiel Sascha die ganze Angelegenheit mehr und mehr. Aber er hütete sich Viktor von seinen Gefühlen zu unterrichten. Der schien in seine Aufgabe verbissen zu haben. Wild und unrasiert kam er nun praktisch nicht mehr aus dem Labor heraus. Ein Bettgestell war aufgeschlagen worden, so dass er den Prozess rund um die Uhr überwachen konnte. Obwohl permanent in Anspruch genommen, das Kolloid schien unerschöpflich. Viktor war wie im Rausch. So vergingen über die Arbeit Wochen.

Seit einiger Zeit merkte Sascha, dass Viktor spürbar unruhig wurde, als bedrücke ihn irgendwas. Anfangs dachte Sascha, es sei seines Freundes Furcht, dass jemand ins Labor einbrechen könnte. Doch dann musste er sich eines Besseren belehren lassen. Offensichtlich hatte Viktor gewisse Ahnungen, aber welcher Natur diese waren, konnte Sascha nicht beurteilen. Er lag mit seiner Vermutung gar nicht so daneben, wie sich bald erweisen sollte.
Eines Tages justierte Viktor das Mikroskop (er hatte es sich vor kurzem irgendwo angeschafft) und machte Sascha ein Zeichen, er solle ein Blick darauf werfen. Als dieser die Augen an die Okularmuscheln des Gerätes presste, blieb ihm die Luft weg. "Du schaust auf eine der geschaffenen Banknoten" - erläuterte Viktor. Später am demselben Abend blickte er Alex ernst an und sagte "Hoffentlich bist du dir darüber im klaren, was uns da gegenüber steht." Mit einer Handbewegung schnitt er Saschas Entgegnung ab. "Nein, ich meine nicht die Behörden. Es liegt an dem Kolloid". Sascha sah Viktor an, da blickte er in ein verschlossenes Gesicht. Ganz natürlich brauchten sie Sicherheit.
So beschäftigten sie sich mit der Neuausrüstung des Schuppens. Die Fenster wurden mit Blechen bewehrt, eine Panzertür installiert, ein massiver Safe hingesetzt. Die erforderliche Materiallien beschaffte ausschließlich Viktor. Sascha war nicht verborgen geblieben, das die Anzahl des ausgegebenen Geldes weit über ihre bescheidene Ersparnisse hinausging. Zur Rede gestellt sagte Victor zuerst, dass er das Geld von seinen Kumpeln geborgt habe, aber dann gestand er ein, das er die "gezüchteten" Geldscheine benutzt hatte. Sascha gefiel das nicht. Er war der Überzeugung, das dies sehr übereilt war. Einige Zeit später kündigte Viktor an, dass er eine Sicherheitsvorkehrung in den Safe eingebaut habe und wies Sacha ausdrücklich darauf hin, er dürfe ihn auf keinen Fall selbst öffnen. "Unter keinen Umständen" - betonte er. Sascha protestierte nicht. Er sah keinen Grund, Viktor zu misstrauen.
Als die Katastrophe ausbrach, war Sasha abwesend gwesen. An jenem Tag öffnete er gewohnheitsmäßig die Tür und trat ein. Nichts rührte sich und zuerst glaubte er, dass Viktor nicht da war. Dann sah er ihn. Er lag auf dem Rücken neben dem Tisch. Die Scheine waren dicht an dicht über seine Figur gebreitet, wie Blutegeln an ihm klebend, ließen keinen Quadratsantimeter der Haut oder Kleidung frei, als wäre er eine sonderbare Ankleidepuppe aus salatfarbenem Papiermache. Plötzlich fluteten kaum erkennbare Wellen über die Grüne Masse hin, als ob sie abrupt von eigenem hässlichem Leben erfüllt wäre. Sascha bildete sich ein, dass einige der Scheine Anstalten machten, auf ihn zuzukriechen. Voller Entsetzten und Abscheu sprang er ins Freie hinaus. Er warf die Tür zu und riegelte sie ab. So stand er eine Weile, den Rücken an die Tür gepresst. Sein Kopf dröhnte. Dann stieß er sich von der Tür ab und schritt los. Was er zu tun hatte war sicherlich Hilfe zu holen. Er tat es indes nicht. Statt desssen schlenderte er ziellos durch die Stadt herum und da war die ganze Zeit eine Stimme in seinem Inneren, die ihm zuraunte, er solle zurückkehren und das Kolloid bergen. Aber allein der Gedanke, den mit Entsetzlichem gefüllten Raum noch einmal betreten zu müssen, machte ihn an allen Gliedern zittern.
Erst spät am Abend hatte er sich dazu durchgerungen, zum Labor zurückzukehren, welches... nicht mehr da war. Eine Explosion hatte es in einen Haufen zerschmorte Bruchstücke verwandelt. Viel gibt es nicht mehr zu sagen. Nur oberflächliche Ermittlungen wurden angestellt, was schließlich zu erwarten gewesen war in Anbetracht der damaligen Situation. Viktor wurde identifiziert und begraben. Sascha war nicht auf seiner Beerdigung. Er befand sich schwer leidend in einer Nervenheilanstalt.

Die Tür schloss sich hinter meinem Freund und noch lange stand ich in der Diele unter den Eindruck der Erzählung. Unvermittelt fing meine Nase eine alarmierende Änderung in der Luftzusammensetzung ein. Ich wetzte zur Küche. Verdammt! Das Wasser war schon lange ausgekocht und nun briet meine Schüssel erbarmungslos auf offener Flamme. Ich langte zu und stellte das Gas ab. Das Gefäß sah schlackig und ruiniert aus. Ich würde später feststellen, dass ein bißchen Rösten dem unglücklichen Geschirr keinerlei Abbruch gemacht, sondern ganz gut getan hatte: der Kesselstein war geschwächt worden und ließ sich leicht ablösen. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich dieses Wissen noch nicht präsent und meine Enttäuschung war heillos. Wärend ich das lädierte Ding unter kaltes Wasser hielt, stand ich am Fenster und sah über den Hof. Der Himmel wirkte wie eine Scheibe aus Milchglas. Es tropfelte. Ich hatte solche Witterung gemocht, damals vor vielen Jahren. Vielleicht deshalb, weil, wenn die Sonnenstrahlen nicht anlagen, um dich nach draußen zu locken, konntest du schön bequem zu Hause bleiben und ein Steckenpferd ausüben, etwa eine chemische Untersuchung.
Plötzlich lachte ich auf. Es war eine Dummmheit, gewesen Sascha zu glauben. Er war auf alle Fälle ein unausgeglichener Mann. Lag da nicht eine Art Manie nah? Es soll bei verwirrten Menschen eine außerordentliche suggestive Kraft geben, die sie befähigt, jeden Zweifel an die Wahrheit ihrer Worte zu zerstreuen, auch die unglaublichsten Geschichten wie die Wirklichkeit klingen lässt. Doch wiederum war es dennn wirklich so fantastisch? Oder ob es mehr fantastisch war, als alle jene kleinen Scheusale, welche an geheimen Labors rund um den Erdball ständig konstruiert werden, tückisch, schändlich zum blanken Hohn auf die gesamte menschliche Gattung? Einstweilen schlummern diese Dinger in ihren gut gesicherten Buchsen oder wie diese Behälter auch noch heißen mögen, bis sie eines schönen Tages auf die Erde losgelassen werden, sie in Verderben und Verzweiflung überschwemmend.
Und war da nicht eine düstere Symbolik in der Tatsache, dass diese grünen Blutegel, stetiger Katalysator der milllionenfachen Misere, sich von Leuten ernährend, sie leersaugend, auf hohlen Zombies, gelenkt von seelenlosem boshaftem Zentralautomat reduzierend, wenigstens einmal echt gemordet haben müssen, indem sie rücksichtlos und ohne Umweg einen Menschenleben nahmen?
Ich sah in Gedanken vor mir einen endlosen Währungstrom und mittendrin ganz verloren etliche Scheine äußerlich völlig normal, auswechselbar gegen Millliarden andere, aber tatsächlich gefährliche Kreaturen, vernichtungsträchtig, auf eine Gelegenheit wartend. Doch diese Vision war zu monstruös, zu angekränkelt. Es wäre wesentlich gesunder und leichter, es als ein Fiktion zu betrachten.
Ich drehte den Hahn zu. Währenddessen hielt ein imposantes Auto direkt unter meinem Fenster. Ein fein eingepuppter Knubbel wuchtete sich heraus. Der Mann entfernte sich ein wenig von der Maschiene und schneuzte sich herzhaft zur Erde, wobei er sich das rechte und das linke Nasenloch abwechselnd zuhielt. Ich fragte mich, wie lange braucht das Geld bis zur Kultur? Zehn Jahre? Ein Jahrhundert? Na, tausend Jahre wohl nicht. Immerhin gab es noch einen Trost: Ich war wieder in mein gewohntes Leben getaucht, in dem es keine grauenvolle Geheimnisse, wirkliche oder eingebildete mehr gab. Lassen wir Fiction gelten. Ich schlenderte zu meiner Stube und zerrte den Banknotenkalender zwischen den Büchern hervor. Dann begab ich mich wieder in die Küche und beförderte ihn in den Mülleimer.


Zitat

Zitat 210(228):
Lebenskunst ist zu % die Fähigkeit, mit Leuten auszukommen, die man nicht mag.
Samuel Goldwyn


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