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Leitsatz

Spacer Du musst nur entscheiden, was Du mit der Zeit anfangen willst, die Dir gegeben ist ...
Zitat aus Herr der Ringe

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Drei, zwei, eins.....

Copyright 2005-2012 by Astrid Jentzsch, Germany

Ich bin infiziert, wahrscheinlich unheilbar krank. Das eBay-Bazillus (bazillus ebayensis) hat mich seit längerem schon gepackt und sucht mich seitdem heim. Es ist nicht so, dass ich permanent unter dem Bazillus leide. Nein, die Anfälle, die es bei mir hervorruft, treten sporadisch auf, wenngleich in immer kürzeren Abständen.

Die Auslöser dieser Anfälle können vielerart sein. Zum einen gibt es da die Bietanfälle, die z.B. resultieren aus lange gehegten aber unterdrückten Wunschgedanken, spontan auftretenden Kaufgelüsten, einem unwiderstehlichen Drang, Schnäppchen zu machen, der puren Notwendigkeit, etwas anschaffen zu müssen, die Lust, für einen Freud/einer Freundin einen besonderen Gag zu ergattern, der Neugierde zu erfahren, ob sich der Roman von XY so amüsant liest wie der Vorgängerroman, oder der einfach plötzlich auftretenden Erkenntnis, dass ich ja eigentlich dies und das, wenn auch nicht zwingend nötig aber doch irgendwie noch gut gebrauchen könnte.

Nun könnte ich ja einfach den herkömmlichen Weg des Einkaufens gehen. Doch dieser benötigt viel Zeit, und ich hasse überfüllte Kaufhäuser, unübersichtliches Warenangebot, unfreundliches Verkaufspersonal, meine eigene Unentschlossenheit, Schlangestehen an der Kasse, Tütenschleppen… Oder ich könnte mich der Bestellformulare aus einem der ungefragt ins Haus geflatterten Kataloge bedienen. Doch auch an dieser Alternative ist nichts wirklich Prickelndes.

Wieviel komfortabler ist da doch die Ebay-Seite auf meinem PC. Ich gieße mir eine Tasse Tee ein, lehne mich entspannt zurück und gebe Mitgliedsnamen und Passwort ein. Ich klicke erstmal wahllos unter "Kaufen" herum, quasi zur Einstimmung, lande z.B. fast rein zufällig in der Rubrik Lederjacken, resümiere, dass ich ja schon drei habe (eine mühsam und für teures Geld im Laden gekauft - Prozedere s.o.- , die beiden anderen fast neu und unglaublich günstig bei eBay ersteigert) Aber da fällt mir ein, mein Mann hat nur eine ganz dicke und eine ganz dünne Lederjacke, so eine dazwischen für den Übergang könnte er noch gut gebrauchen. Also wechsle ich per Klick hinüber in die "Herrenabteilung". Ich setze die Teetasse hart auf: Hier ein Superangebot in XL, laut Beschreibung so gut wie neu, softweiches Nappaleder, nur 1 aktuelles Gebot über 1,99 €. Noch verbleibende Zeit 1 Minute 32 Sekunden. Ich brauche nicht zu überlegen, das Virus tut das für mich. Der Puls rast, sicher habe ich auch erhöhte Temperatur. Ich gehe auf "bieten" und gebe 4,99 € ein, mehr nicht, schließlich muss ich ja auch noch die Versandkosten über 7,00 € einkalkulieren. Drei, zwei, eins, seins - oder ihrs, ja, Mist, überboten! Ein gewisser Zilpzalp hat mit dem Kaufassistenten hinterhältig auf 5,49 € geboten. Gemeinheit, dabei hat der erst 93 Bewertungen und nur 98,7 % davon positiv, während ich schon 218 Bewertungen und 100 % aufweisen kann. Aber nein, ich darf nicht unfair sein, bediene ich mich doch selbst ab und an des Kaufassistenten, wenn die noch verbleibende Zeit in allzu weiter Ferne liegt und ich mich nicht ständig dem Nervenkitzel des Beobachtenmüssens aussetzen möchte. Gönne ich also Zilpzalp den Zuschlag und klicke weiter in die Abteilung Bauchtanzzubehör. Davon kann man schließlich nie genug haben.

Doch zurück zu meinem Leiden. Anfälle ganz anderer Art überkommen mich z.B. beim Staubwischen oder beim Wühlen in hoffnungslos überfüllten Schränken und Schubladen. Wie oft habe ich eigentlich schon diese Rosenthalschüssel mit handgemaltem Golddekor in der Hand gehabt und mich gefragt, was ich damit soll?! Oder dem doppelt geschenkten Ratgeber, wie ich meine Schlaflosigkeit in den Griff bekommen kann. Ich möchte am liebsten alles packen und wegschmeißen, denke spontan an den nächsten Sperrmülltermin. Doch beim Anblick meiner wunderschönen unbenutzten schwarzen Lackschuhe, die ich einfach zu klein gekauft habe (ganz regulär im Laden!) bricht das eBay-Virus wieder aus. Willenlos, fast automatisch hole ich meine Digitalkamera, rücke die überflüssigen Dinge ins rechte Licht und nehme sie auf. Und der Einfachheit halber das Dirndl aus meiner bayerischen Vergangenheit gleich mit. Außerdem noch ein geerbtes Margarinebildchenalbum, ein altes Kruzifix, eine Knopfimohrkatze und noch ein paar Dinge aus dem hoffnungslos überfüllten Keller. Dann nix wie rein in den PC. 1 Euro Startpreis macht sich immer gut, ist psychologisch besser für die Nachbieter. Ich bin fair und berechne nur die reinen Portokosten, ein alter Karton für die Verpackung findet sich schließlich immer. Jetzt heißt es 10 Tage warten, 10 Tage Spannung.

Nach 7 Tagen hat sich noch gar nichts getan. Am 8. Tag ist ein gewisser Blubberjahn bereit, für die Schüssel 1 € zu zahlen. Naja, besser als wegwerfen, vielleicht hat er ja noch Freude daran. O lala, er hat ja auch auf die Lackschuhe geboten, wohl um Porto zu sparen, ganz schön clever. Aber nach 10 Tagen hat er den Zuschlag weder für das eine noch für das andere bekommen. C'est la vie! Ich jedenfalls bin mit dem Erlös insgesamt recht zufrieden und fange schon mal an, alles einzupacken. Bis die Zahlungen eingehen, sieht das Zimmer aus wie ein kleines Logistikzentrum.

Eine nette Randerscheinung beim eBayen sind - sofern man dafür offen ist - die freundlichen, witzigen, dankbaren mails von Käufern und Verkäufern. Es entsteht manchmal so etwas wie eine begrenzte Mini-Brieffreundschaft. Ich denke da an den Kanadier, der so happy war, mit meiner Suppenterrine das Service seiner Frau vervollständigen zu können und dafür Portokosten in Kauf nahm, die in keinem Verhältnis zum Warenwert standen. Nachdem meine Bank für die Auslandsüberweisung noch unverschämt hohe Gebühren verlangte, ersetzte er diese auch noch großzügig. Oder an die Frau ,von der ich die hübschen Granatohrringe erstanden hatte, die mir ein paar Wochen lang Amüsantes über ihre 7 Hunde berichtete. Nett ist es auch, mit Heiko zu plaudern, der sich von 3 Eisenbahnlampengläsern getrennt hat. Diesem, als unbedarften, aber wissbegierigen Niedersachsen, berichte ich derzeit über den Kölner Karneval.

Jetzt freue mich schon auf 14 neue positive Bewertungen aus den letzten Transaktionen, obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht weiß, wieso. Das ist wohl so eine Nebenerscheinung des Virus.

Und heute abend gehe ich wieder auf virtuelle Lederjackenjagd für meinen Mann. Vielleicht klappt's ja diesmal. Da fällt mir ein, meine Tochter könnte eigentlich auch eine gebrauchen.

Nächsten Sonntag aber gibt es eine eBay-Pause, damit ich nicht süchtig werde. Zur Abwechslung gehe ich dann mal wieder auf den Flohmarkt.


Zitat

Zitat 107(228):
Mit leerem Kopf nickt es sich leichter.
Zarko Petan


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