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Spacer Du musst nur entscheiden, was Du mit der Zeit anfangen willst, die Dir gegeben ist ...
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Gedanken eines Müll-Aktivisten

über

"Die Kreuzfahrt der Schüler und Studenten gegen Regierungsgebäude in Chisinau 7 April 2009"

© Copyright 2009-2012 by Julian Brescanu, Moldawien

Im allgemeinen beschäftige ich mich nicht sonderlich mit Politik, da meine Hauptbeschäftigung solcherart ist, dass es mich dagegen einigermaßen immun macht, wer gegenwärtig am Steuer des Staates steht, ein patentierter Demokrat oder ein Diktator. Was jedoch kürzlich in unserer Stadt geschah, kann ich kaum mit Stillschweigen übergehen und darf hier einige Überlegungen dazu vermitteln.

Passiert ist nämlich folgendes:
Wir haben in der Nacht vom 7ten zum 8ten April einen regelrechten Kreuzzug unserer Jugendlichen gegen Regierungssitze erlebt. Dabei wurden 2 untere Stockwerke des Parlamentshauses und der Präsidentensitz erbarmungslos vandalisiert: die Einrichtung und Bürotechnik zum Fenster hinausgeschmissen und angezündet, anschließend auch die Räume in Brand gesetzt.
Von welchem farbigen Affen ist unsere Jugend denn nun gebissen worden?
Ob sie nur so, dir nichts mir nichts, in Berserkerwut geraten sind? Nein, das nicht. Ein Beweggrund lag doch vor. Zwei Tage zuvor hatten wir doch die Wahlen zum Parlament, wo die regierenden Kommunisten aufs neue die Stimmenmehrheit errungen hatten. Die Opposition ist sofort zur Stelle "die Wahlen sind ja verfälscht. Los, Jungs zeigts denen." So jedenfalls der Standpunkt der Regierung. Inwieweit es wahr ist will ich nicht urteilen. Ich bin ja ein ganz unbedeutendes Individuum. Als Mensch jedoch versteh ich unsere Jugend einigermaßen - die Kommunisten haben erneut ein Sieg davongetragen. Da bekommt man Europa nun nie zu sehen. Man hat ja noch gut in Erinnerung, wie empfindlich unser Präsident auf den Vorschlag seines rumänischen Kollegen reagierte, Moldawien möge gemeinsam mit Rumänien der europäischen Union beitreten. Andererseits bin ich fromm genug und verabscheue jedwede Gewalt. Wie unser Herr Jesus zu uns sagte: "Wer zum Schwert greift ...". Na, ihr wisst ja. Aber wer kann etwas dafür, wenn die heutige Jugend nicht mehr willig ist, leise und biederlich bei sich zu Haus trauernd herumzuhocken. Die Jugend ist halt heutzutage nun einmal so.

Man muss allerdings gestehen, dass der Präsident Moldawiens sich als sehr ordentlicher Bursche entpuppt hat. Als ich in der Nacht auf 8ten April den Feuerstößen zuhörte, wurde ich mächtig betrübt. "Aus," dachte ich "da kommt keiner davon". Was denkt ihr, am Morgen waren die Gören alle heil, wenn man blaue Augen nicht dazurechnet. Die Polizisten hatten in die Luft geschossen. Nur so, um das Kroppzeug etwas zu schrecken.

Was dieses denkwürdige Ereignis betrifft, teilen sich bei uns die Meinungen. Die einen plädieren für eine Revolution, die anderen weisen auf einen von moldawienfeindlichen Kräften inszenierten Putsch hin. Formal haben die zweiten unbedingt recht. Gegen die Revolution spricht zum ersten die kurze Dauer des Geschehens und zweitens die Tatsache, dass das Ausmaß der Plünderungen außergewöhnlich bescheiden war - vielleicht hat jemand etwas zum Andenken mitgenommen, das ist aber alles. Es ist ja bekannt, wie lange bei richtigen Revolutionen Plünderungen dauern, nonstop, Tag und Nacht monatelang, mitunter auch jahrenlang.
Aber auch jene, die der Meinung sind, es sei eine Revolution gewesen, haben nicht so Unrecht. Nur dass es eine "potentielle" Revolution war, keine echte so wie zum Beispiel, ein potentiell kluger Mensch sein ganzes Leben lang dumm bleiben kann, wenn er Kraft seines Charakters oder widriger Umständen wegen, seine Klugheitspotenz schlummern lässt.

Genauso war es in diesem Fall. Wäre es diesem Putsch gelungen seine Potenz zu entfalten, dann wäre es kein Putsch mehr, sondern Revolution und deren Teilnehmer lauter Helden und furchtlose Kämpfer gegen die Tyrannei, von denen künftige Generationen in Lehrbüchern lesen würden. Die Kommunistische Regierung wäre gefallen, westlich orientierte Kräfte hätten die Macht ergriffen und Moldawien sich an Rumänien bzw. an die europäische Union angeschlossen und so weiter und so weiter. So aber ist diese Perspektive nun futsch und die "Revolution" wie böse Zungen behaupten, durch die kommunistische Junta erdrosselt worden. Gerade damit bin ich doch nicht einverstanden. Wenn es eine Junta wäre, dann wären die Rebellen ohne weiteres erschossen worden. So aber hatten die Ordnungkräfte von dem Präsidenten strengsten Befehl erhalten: sie sollten die Feuer unter keinen Umständen eröffnen. Mehr noch, im Anfall der Großmut haben einige sogar ihre Schilde und Schlagstöcke abgegeben und unseren liebsten Kindlein erlaubt, sie durch die Straßen von Chisinau zu jagen. Was nicht alles im Namen der Humanität gemacht wird!
Außerdem hält die europäische Union, deren Staaten bekanntlich durchweg demokratisch sind , unsere Regierung in Ehren. Mit keinem Wort erwähnte ein Repräsentant dieser Gemeinschaft, unser Präsident habe etwas Eigenmächtiges getan während der Niederhaltung der Krawalle oder der anschließenden Verhaftungen. Damit nicht genug, Herr Voronin ist sogar von einem europäischen Regierungschef komplimentiert worden für das geschickte Zähmen der Pogromhelden. Ja, so ist es. Und da spricht man von einem Diktator!

Eins will ich euch sagen: intellektuell ist unsere Regierung auf der höchster Höhe. Dafür spricht allein die Reihe blendender Maßnahmen, getroffen um die Unruhen niederzuhalten!
Hier sind die wichtigsten:
1. Der rumänische Botschafter ist traditionsgemäß als Hauptverdächtigter verjagt worden.
2. Eine Woche lang ist an städtischen Bibliotheken das Internet abgeschaltet worden, in einigen zur Sicherheit auch das Licht. Wissend über chronische Geldverlegenheit unserer Bevölkerung, wäre es nicht klug gewesen anzunehmen, dass die Verschwörer es nicht eilig haben würden, in Internet-Clubs zu rennen, um dort ihre Börsen zu erleichtern, jetzt, wo die Finanzierung des Putsches unterbunden ist?
3. Die Züge nach Rumänien sind abgeschafft. Nichts da! Was? Nun ist es den Verschwörern weit schwerer Moldawien zu verlassen und somit der Justiz auszuweichen.
4. Als Ablenkung von gesetzwidriger Tätigkeit sind Jugendliche zur Reinigung von Parkanlagen befördert worden, wo sie einigen Fleiß an den Tag gelegt haben. Man sah ihren Mienen jedoch unschwer an, dass ein Vorstoß geben die Regierungsgebäude ihnen viel lieber wäre. Ja, die Revolution hat man nicht durchgekriegt.

Also doch ein Putsch, der gewandt und rechtzeitig beseitigt worden ist: die Anstifter und Freischärler im großen und ganzen schon verhaftet (insgesamt an die 300 Menschen), die Hauptorganisatoren, gewisse Herren Marinescu und Stati (der letzte Sohn eines 2.5 milliardenschweren Milliardärs) entlarvt und nun in Odessa ihre Auslieferung an Moldawien erwarten. Also können wir alles für in Ordnung halten und Moldawien muss halt bleiben, was es früher war: "ein schwarzes Loch Europas" wie die Zeitschriften bildlich auszudrücken pflegen. Was sicherlich sofort eine unangenehme Assoziation weckt, Moldawien sei eine bestimmte Stelle am Körper Europas, wobei das Attribut "schwarz" diesen Eindruck nur betont, lässt einen sich etwas Unhygienisches, Vernachlässigtes vorstellen. Mir persönlich scheint jedoch eine andere Auslegung geeigneter, nämlich der Vergleich mit einem jener geheimnisvollen kosmischen Objekte, die, wie jeder weißt, alles auf sich und in der Nähe befindliche einfach schlucken. Seit Jahren werden Milliardeninvestitionen in dieses Land gepumpt. Und mit welchem Ergebnis?
"Das ärmste Land Europas", "80 % der Bevölkerung lebt unter der Armutgrenze" sagen uns die Zeitschriften. Das ist kaum zu glauben, wenn man Villen und Schlösser sieht, die vom Stadtrand Chisinau bis an den Horizont ziehen. Aber wenn die Zeitschriften es so sagen. Aus irgendeinem Grund müssen sich ja doch anderthalbmillionen unserer Mitbürger im Ausland herumdrücken.

Bei dieser Gelegenheit, muss gesagt werden, gibts noch viele Unklarheiten. Erstens ist es unbegreiflich, wieso die Menge in die Regierungsgebäude eingedrungen ist. Wie ich es sehe, muss jemand diese Gebäude geöffnet haben: Immer rein, Jungs. Und was wirklich überhaupt gar nicht klar ist, auf welche Weise ein Häuflein Menschen aufs Dach des Parlamentes hinaufgeklettert ist, um das gesetzwidrige Hissen der europäischen Fahne zu verwirklichen. Ob es in unseren Regierungsgebäuden so ohne weiteres zu bewerkstelligen ist. Ferner nach inoffiziellen, nicht nachgeprüften und vielleicht parteiischen Angaben war unter denen, die das ausländische Banner aufpflanzten, ein Mann zu sehen, in dem einige einen Sicherheitsoffizier erkannten. Was tat er dort?
Wiederum, wie ein führender Oppositionspolitiker Herr Urechean behauptet, die ganze Sache sei nichts anderes als ein Dreh von den Sicherheitsorganen, von der ersten Person im Staat veranlasst, die Polizei habe selbst die Türe aufgemacht. Aber wenn es auch wahr ist, ob es notwendigerweise bedeutet, dass eine Provokation vorlag? Es ist sehr möglich, das die Polizisten dabei überhaupt nichts dachten, als sie die Demonstranten hineingelassen hatten. Sie wollten nur die Buben beruhigen: überzeugt euch selbst, da liegen keine manipulierte Stimmzettel verborgen. Die Leute waren jedoch viel zu viel erhitzt von den vorhergehenden Reden und statt gehörige Kontrolle durchzuführen und ruhig nach Hause zu gehen, konnten sie ihre revolutionäre Aufwallung nicht mehr unterdrücken und gingen zu barbarischen Handlungen über. Höchstwahrscheinlich war es genau so. Was aber den Sicherheitangehörigen anbetrifft, mag er einfach in den Sog der Menge geraten sein und musste dann um seiner Enthüllung vorzubeugen wohl oder übel alles mitmachen. Wer kann ihm da etwas verübeln?

Da ist noch etwas beizufügen. Unlängst hatte ein moldawischer Politiker, Herr Bragis, eine originelle Lösung des Transnistrien-Problems vorgeschlagen (Transnistrien ist eine separatistische Region, die im Zuge des kurzen Bürgerkrieges von Moldawien abgelöst worden ist): Moldawien solle dieses abtrünnige Gebiet Russland für 30 Jahre in Pacht geben.
Ich meinerseits schlage vor, Moldawien einem hochindustrialisierten Staat steuergünstig zu verpachten (nur nicht den Chinesen, die Sprache ist zu schwer), wenn nicht für 30, so doch wenigstens für 3-5 Jahre. Dann würden Staatsstreiche oder Revolutionen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ganz überflüssig. Man würde still und leise unter paterneller Aufsicht des Pächter-Staates den hohen Werten der Globalisierung entgegenreifen.


Zitat

Zitat 178(228):
Die schönste List des Teufels ist es, uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.
Charles Baudelaire


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